Älter als die erste Wandsbeker Kirche – Der Historische Friedhof Von Jutta Cukrowicz / Abdruck aus Gemeindebrief 3-2026
Nördlich der Christus-Kirche am Wandsbeker Markt schließt sich ein unbebautes Grundstück an, dessen hinteren Teil der Historische Friedhof Wandsbek bildet. Auf diesem Gelände wurde 1623 unter Pastor Georg Kaufmann ein Begräbnisplatz angelegt. Das war äußerst ungewöhnlich, denn es gab hier noch keine Kirche. Der Pastor predigte in der imposanten Wandesburg, die im 16. Jahrhundert vom Gutsherrn, dem Grafen Heinrich von Rantzau, erbaut worden war. Ansonsten wanderten die Wandsbeker zum Gottesdienst nach Alt-Rahlstedt oder in die Jacobikirche in Hamburg.
Die Anlage eines Begräbnisplatzes lässt aber vermuten, dass der Bau einer Kirche bereits angestrebt wurde, denn die Bevölkerung war inzwischen auf über 300 Menschen angewachsen. Das adlige Gut Wands- bek unterstand damals dem dänischen König Christian IV, der es von deutschen Pächtern verwalten ließ. Dem Pastor Holtzmann gelang es 1631 mit Hilfe des Pächters Bernd von Hagen, die Zustimmung zum Bau einer Kirche zu erlangen. So wurde im Jahr 1634 die erste Wandsbeker Kirche eingeweiht, die Dreifaltigkeitskirche. Es handelte sich um einen bescheidenen Fachwerkbau. Der 70 m hohe Turm wurde erst 1651 hinzugefügt. Er stand ungefähr auf der Höhe der heutigen Altarwand der Christus-Kirche, während sich der Altarraum des Fachwerkbaus unmittelbar vor der Stelle befand, an der heute das Mausoleum steht. Aus dem Begräbnisplatz um die Kirche herum war so ein Kirchhof geworden, auf dem 200 Jahre lang viele Wandsbeker ihre letzte Ruhestätte fanden. 1850 wurde der Friedhof zu klein und es wurde ein neuer Friedhof angelegt, der heute als der Alte Friedhof Wandsbek (Kirchhofstraße ) bekannt ist. Im Laufe der Zeit wurden viele Grabstätten auf dem Historischen Friedhof aus verschiedenen Gründen verlegt, und von den frühesten Gräbern fehlt heute jede Spur.
Tatsächlich ist die älteste erhaltene Grabstätte das Schimmelmann-Mausoleum. 1792 wurden In diesem klassizistischen Schmuckstück der 1782 verstorbene Schatzmeister Heinrich Carl von Schimmelmann und 1832 seine Frau Caroline Tugendreich beigesetzt. Das Mausoleum kann bei einer Führung besichtigt werden. Das zweitälteste erhaltene Grab ist das des Dichters Matthias Claudius, des „Wandsbecker Boten“, der 1815 nicht weit vom Mausoleum entfernt begraben wurde. Neben ihm ruht seit 1832 seine Frau Rebekka. An den Schöpfer des bekannten Liedes „Der Mond ist aufgegangen“ erinnern in Wandsbek u.a. zwei Straßennamen, eine Skulptur auf dem Marktplatz, das Denkmal am Eingang des Friedhofsgeländes, das Matthias-Claudius-Gymnasium sowie häufig stattfindende Veranstaltungen der Claudius-Gesellschaft.
Die dritte Grabstätte, die immer einmal wieder öffentliche Aufmerksamkeit erhält, ist die des 1845 verstorbenen Generalleutnants Friedrich von Moltke, auf der sich eine Gedenktafel für den Widerstandskämpfer Helmuth James Graf von Moltke befindet. Friedrichs Sohn Helmuth Karl Bernhard war mit Otto von Bismarck zusammen als Generalfeldmarschall erfolgreich im Krieg 1870/71. Er erwarb 1867 das Gut Kreisau. Helmuth James Graf von Moltke, geboren 1908 in Kreisau, ist ein Ur-Ur-Enkel des Grafen Friedrich. Um ihn formierte sich im 2. Weltkrieg der Kreisauer Kreis, eine Widerstandsbewegung gegen Hitler. Er wurde im Januar 1945 in Plötzensee hingerichtet.
Insgesamt befinden sich auf dem Historischen Friedhof über 30 Gräber. Auf einigen Steinen sind keinerlei Daten mehr sichtbar. Auf vielen anderen aber liest man Namen, die in Wandsbek wohl bekannt sind, meistens als Straßennamen, oder der Name Puvogel durch den nach ihm benannten Puvogel-Brunnen. Ansonsten findet man Schädtler, Rauch, Rodig, Helbing, Morewood und Bove. Puvogel, Rauch und Rodig waren Bürgermeister in Wandsbek. Joseph Morewood wanderte aus England ein und betrieb in Wandsbek sehr erfolgreiche Kattun-
druckereien. Im Haus der wohltätigen Stiftung der Familie Morewood befindet sich heute das Heimatmuseum Wandsbek in der Böhmestraße 20. Helbing kam auf Anregung von Schimmelmann aus Sachsen nach Wandsbek und gründete hier mehrere Brauereien. Der Helbing-Kümmel ist auch heute noch auf dem Getränkemarkt beliebt und bekannt.
Völlig zu Unrecht weitgehend in Vergessenheit geraten ist Paul Eickhoff, verstorben 1931. Dabei hat der Lehrer und Historiker umfangreiche Studien zur Geschichte Wandsbeks durchgeführt und in zwei Büchern veröffentlicht.
Besonders auffallend gestaltet ist die Grabstätte der Familie Luetkens, unmittelbar vor dem Mausoleum gelegen, denn über der Gruft erhebt sich ein sarkophagartiger Überbau. An den vier Seitenwänden stehen die Namen und Daten der hier beigesetzten Familienmitglieder, die fünf Generationen angehörten. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts entstanden die ersten lederverarbeitenden Betriebe der Familie in Wandsbek. Spätere Mitglieder waren unter anderem an Bankgeschäften beteiligt und ließen den Eichtalpark anlegen. In dieser Grabstätte fand 1920 die letzte Beisetzung auf dem Historischen Friedhof statt.
Sind Sie neugierig geworden? Das Kirchenöffnungsteam hütet auch ein Exemplar des kleinen Buches mit dem Titel „Der Historische Friedhof Wandsbek“ von Georg-Wilhelm Röpke und Helmuth Fricke, das umfassende Informationen zu dem Thema bietet.